Aufsätze, transkribiert und zusammengefasst auf der Grundlage der in den Archiven (Bestand Proteac, NAS) bewahrten Faksimiles. Die Zusammenfassungen sind verfasste Darstellungen, keine Wiedergaben des Originaltextes; das vollständige Faksimile ist für jeden Aufsatz zugänglich. Anordnung nach Erscheinungsdatum.


Diese Seite versammelt die grundlegenden wissenschaftlichen Aufsätze von Alfred Tomatis: jene Veröffentlichungen, durch die er von den ersten Beobachtungen über die Berufstaubheit (1952) bis zu den großen Synthesen der 1970er Jahre die Grundsätze dessen, was zur Audio-Psycho-Phonologie werden sollte, formuliert und verbreitet hat. Zu jedem Aufsatz: Metadaten, Zusammenfassung, historischer Kontext und Faksimile.

Der Tomatis-Effekt (1952)

Autor: vorgestellt von Louis Longchambon (Arbeiten von Dr. Alfred Tomatis) Datum: 1952 Faksimile: Originaldokument lesen (PDF)

In der Ausübung der Arbeitsmedizin entdeckt Tomatis die Zusammenhänge zwischen Hören und Stimmgebung. Bei der Untersuchung von Arbeitern, die an Berufstaubheit leiden, bemerkt er, dass die schlecht gehörten Frequenzen genau jene sind, die in ihrer Stimme fehlen: Die Stimme enthält nur das, was das Ohr hört. Anschließend stellt er fest, dass die Wiederherstellung des korrekten Hörens sogleich die stimmliche Hervorbringung wiederherstellt, und sodann, dass jede dem Ohr auferlegte Veränderung sich auf die Stimme auswirkt, wie das Experiment des englischen Probanden zeigt, der den amerikanischen Akzent annimmt. Ein erzwungenes, abwechselndes Hören verändert dauerhaft Hören und Stimmgebung. Tomatis wendet diese Gesetze auf das schulisch beeinträchtigte Kind, auf die gesprochene und gesungene Stimme sowie auf das Stottern an, das er auf eine durch ein ungeeignetes Führungsohr bedingte Übertragungsverzögerung zwischen den Hemisphären zurückführt.

Historischer Kontext — Dieser Text stellt bereits 1952 die erste öffentliche Formulierung der „Tomatis-Gesetze" dar, die die Audio-Phonologie begründen. Er markiert den Übergang von klinischen Beobachtungen in der Arbeitsmedizin zu einer allgemeinen Theorie der Kommunikation, am Beginn der Laufbahn des jungen Hals-Nasen-Ohren-Arztes.

Das musikalische Ohr (1953)

Autor: Dr. Alfred Tomatis Datum: Februar 1953 Veröffentlichung: Journal Français d’Oto-Rhino-Laryngologie, n° 2 Faksimile: Originaldokument lesen (PDF)

Ausgehend von den audiometrischen Untersuchungen, die er an Hunderten von Arbeitern und Ingenieuren der Luftfahrtindustrie vornimmt, macht Tomatis eine unerwartete Feststellung: Trotz eines Lärms, der bis zu 140 Dezibel erreichen kann, bleiben viele Ohren unversehrt. Unter diesen „lärmunempfindlichen" Probanden weisen etwa fünfzig eine eigentümliche Audiometriekurve auf — nicht die übliche Senke der Berufstaubheit, sondern eine gesteigerte, ansteigende Empfindlichkeit zwischen 500 und 2000 Hertz auf dem rechten Ohr. Dasselbe Profil findet er nun aber genau bei Sängern wieder, die ihn wegen Problemen mit der Tonreinheit aufsuchen. Indem er ihr Hören in diesem Bereich anhebt, gibt er ihnen eine reine Stimme zurück. Vor allem entdeckt er, dass alle Probanden mit dieser Kurve Musiker sind oder das „musikalische Ohr" besitzen: Sie hören und reproduzieren einen Satz mit Tonreinheit. Der Aufsatz begründet so den Zusammenhang zwischen der Qualität des Hörens und der der Stimme.

Historischer Kontext — Veröffentlicht im selben Jahr, in dem Tomatis seine ersten Arbeiten vorstellt, setzt dieser Aufsatz seine Mitteilung von 1952 über die Berufstaubheiten fort. Er legt den Grundstein seines gesamten Werkes: Es ist das Ohr, das die Stimme beherrscht — eine Einsicht, die er in der Formel „man singt mit seinem Ohr" zusammenfassen wird. Die Beobachtung am Ende des Aufsatzes, dass das Hören allein mit dem linken Ohr die Stimme „flach und ohne Musikalität" macht, kündigt bereits die führende Rolle des rechten Ohres an.

Die Taubheit bei der D.E.F.A. (1954)

Autor: Dr. Alfred Tomatis Datum: Mai 1954 Veröffentlichung: Le Médecin d’usine (Kongress der Direction des Études et Fabrications d’Armement, Mai 1954) Faksimile: Originaldokument lesen (PDF)

Bericht, vorgetragen auf dem Jahreskongress der Rüstungsärzte, auf dem Tomatis seine Beobachtungen über die Berufstaubheit darlegt. Über die Kesselschmiede hinaus, deren Hörverlust klassischerweise bei 4 000 Perioden beginnt, ziehen zwei Bevölkerungsgruppen seine Aufmerksamkeit auf sich: die Arbeiter in den Windkanälen und die Schützen. Bei ihnen zerstören die Druckschwankungen zuerst den Übertragungsapparat des Mittelohrs und berauben den Nerv jeglichen Schutzes. Diese Probanden werden paradoxerweise überempfindlich im Hören, während sie ihre Selektivität verlieren: Sie hören mehr, verstehen aber nicht mehr, da sie unfähig sind, zwei Töne unterschiedlicher Höhe zu unterscheiden. Der Verfall des Nervs tritt dann sehr rasch ein, mitunter binnen eines Jahres. Tomatis bemerkt zudem bei manchen eine ausgeprägtere Schädigung des rechten Ohres in Begleitung von Stimmstörungen und betont die menschliche und soziale Schwere dieser frühen Taubheiten.

Historischer Kontext — Zwei Jahre nach der Formulierung der „Tomatis-Gesetze" vorgetragen, verankert dieser Bericht seine Forschung in der Arbeitsmedizin der 1950er Jahre, in der der industrielle und militärische Lärm ihm seine ersten Untersuchungsfelder liefert. Die gemeinsame Beobachtung der Hörschädigung und der stimmlichen Beeinträchtigung setzt darin seine audio-phonatorische Hypothese konkret fort.

Die Korrektur der gesungenen Stimme

Autor: Dr. Alfred Tomatis Veröffentlichung: Société Française d’Étude et de Contrôle du Matériel Audio-Sonore (S.F.E.C.M.A.S.) — Laboratoire de Recherches Faksimile: Originaldokument lesen (PDF)

Tomatis verortet den Phoniater zunächst als vollwertigen Hals-Nasen-Ohren-Arzt und nicht als medizinischen Gesangslehrer. Indem er die zerstörte Gesangsstimme behandelt, unterscheidet er beim jungen Sänger zwei Ursprünge: den aus einem fehlgeleiteten Unterricht entstandenen Bruch des muskulären Gleichgewichts und ein Unverträglichkeitssyndrom zwischen Meister und Schüler, das auf der Notwendigkeit eines gleichwertigen Hörens beruht. Was die verlorenen großen Stimmen betrifft, so weist er durch oszillographische Analyse und das Studium des Führungsohres nach, dass ein Sänger nur das reproduziert, was er hört: Die Stimmkurve schmiegt sich dem Audiogramm an. Die beträchtliche Intensität der großen Stimmen ruft eine Taubheit von beruflichem Typus hervor, die die Hervorbringung zu den tiefen Lagen und zu den Kehllauten kippen lässt. Zur Untermauerung analysiert er die spektrale Entwicklung der Stimme Carusos und rehabilitiert sodann einen Sänger, indem er die traumatisierenden Obertöne herausfiltert, um Tonreinheit und Klangfarbe wiederherzustellen.

Historischer Kontext — Aus seinen Arbeiten im Laboratorium der S.F.E.C.M.A.S. Mitte der 1950er Jahre hervorgegangen, wendet dieser Vortrag die audio-phonatorischen Gesetze auf den künstlerischen Bereich des lyrischen Gesangs an. Man sieht darin die Entstehung der Rehabilitationstechnik durch Filterung, die das „elektronische Ohr" vorwegnehmen wird.

Cahiers d’acoustique — Beziehungen zwischen Hören und Stimmgebung (1956)

Autor: Dr. Alfred Tomatis Datum: Juli-August 1956 Veröffentlichung: Annales des Télécommunications, tome 11, n° 7-8 (Cahiers d’acoustique n° 74, Groupement des Acousticiens de Langue Française — G.A.L.F.) Faksimile: Originaldokument lesen (PDF)

Tomatis stellt seine objektive Audiometrie und den solidarischen Kreislauf vor, der Hören und Stimmgebung verbindet, in dem sich jede Anomalie durch eine Störung des Rhythmus oder der Klangfarbe offenbart. Er beschreibt das Führungsohr, dessen Ausschaltung die Hervorbringung verlangsamt und beeinträchtigt, sowie die typische Kurve des musikalischen Ohres, ansteigend von 500 bis 2 000 c/s. Das Stottern erkläre sich durch eine „transzerebrale Übertragung": Seines Führungsohres beraubt, nimmt der Proband einen längeren Weg, dessen Verzögerung — nahe einer Fünfzehntelsekunde, der mittleren Dauer der französischen Silbe — die silbische Verdopplung hervorruft. Anschließend analysiert er die Berufstaubheit der Sänger, die ihr Hören durch ihre eigene Intensität zerstören, was auditive und sodann stimmliche Skotome nach sich zieht. Schließlich behandelt er die auditive Selektivität, die jedem Register eigen und je nach Völkern verschieden ist, bevor er seine Vorrichtung zur objektiven Audiometrie durch Filter und weißes Rauschen darlegt.

Historischer Kontext — 1956 in einer Zeitschrift von Akustikern veröffentlicht, bezeugt dieser Aufsatz die Einschreibung der Forschungen von Tomatis in die wissenschaftliche Gemeinschaft der Nachkriegsakustik. Er systematisiert seine Gesetze in Form eines „Hör-Stimm-Kreislaufs" und legt die theoretischen Grundlagen der Methode, die seinen Namen tragen wird.

Objektive Audiometrie (1957)

Autor: Dr. Alfred Tomatis Datum: Mai-Juni 1957 Veröffentlichung: Journal Français d’Oto-Rhino-Laryngologie (J.F.O.R.L., t. VI, n° 3) Faksimile: Originaldokument lesen (PDF)

Tomatis legt darin die Beziehungen dar, die Hören und Stimmgebung so eng verbinden, dass sie einen wahrhaften Kreislauf bilden. Er beschreibt die Existenz eines „Führungsohres", Gegenstück zum führenden Auge, und zeigt durch elektronische Schaltungen, dass die Ausschaltung dieses Ohres sogleich den Rhythmus und die Klangfarbe der Stimme stört. An diesen Mechanismus knüpft er die Pathogenese des Stotterns, das er durch eine Verzögerung der „transzerebralen Übertragung" von nahezu einer Fünfzehntelsekunde — der mittleren Dauer der französischen Silbe — erklärt. Anschließend behandelt er die Berufstaubheit der Sänger, Opfer ihrer eigenen klanglichen Intensität, den Begriff der auditiven und stimmlichen Skotome sowie die je nach Stimmen und Sprachen veränderliche auditive Selektivität. Er schließt mit dem Prinzip einer objektiven Audiometrie, die das Hören ohne Wissen des Probanden durch die Rückkopplung Stimmgebung-Hören misst.

Historischer Kontext — Dieser Aufsatz von 1957 stellt einen der grundlegenden Vorträge dar, in denen Tomatis das Gesetz formuliert, das seinen Namen tragen wird: Die Stimme enthält nur die Obertöne, die das Ohr hört. Man findet darin bereits das Führungsohr, den Hör-Stimm-Kreislauf und die Idee des elektronischen Ohres, die sein gesamtes späteres Werk strukturieren werden.

Die Schädigungen durch Lärm (1957)

Autor: Dr. Alfred Tomatis Datum: November 1957 Veröffentlichung: Le Médecin d’usine Faksimile: Originaldokument lesen (PDF)

Für die Arbeitsmediziner bestimmt, behandelt dieser Aufsatz die Gefahren des Lärms im industriellen Umfeld. Tomatis beschreibt die Berufstaubheit, gekennzeichnet durch eine Verengung des Hörfeldes, den Verlust der hohen Töne und das klinische Merkmal „hören, ohne zu verstehen". Er erläutert ihre vier Stadien, von der Ausbildung eines dauerhaften Defizits um 4 000 Hertz bis zur offenkundigen Taubheit. Er plädiert für eine frühzeitige audiometrische Überwachung der jungen Probanden und stellt zwei Vorrichtungen seiner Erfindung vor: das Fabrik-Audiometer, das ein rasches Screening auf der Grundlage der Klangfarbenänderung eines Geräusches ermöglicht, und die objektive Audiometrie, dazu bestimmt, Simulanten dank der Rückkopplungen Stimmgebung-Hören zu entlarven. Er greift darin das Führungsohr, die transzerebrale Übertragung und das Stottern wieder auf, sodann das klangliche Selbsttrauma der Sänger.

Historischer Kontext — Aus seiner Tätigkeit der medizinischen Überwachung in den Arsenalen unter der Schirmherrschaft des Institut national d’hygiène et de sécurité hervorgegangen, zeigt dieser Text Tomatis, wie er seine audio-phonatorischen Entdeckungen auf die konkreten Herausforderungen der Arbeitsmedizin anwendet. Man sieht darin den Übergang vom Laboratorium zur klinischen Feldinstrumentierung.

Die somatischen und psychischen Reaktionen auf den Industrielärm (1959)

Autor: Dr. Alfred Tomatis Datum: 1959 Veröffentlichung: Archives des Maladies Professionnelles (t. 20, n° 5, p. 611-624) Faksimile: Originaldokument lesen (PDF)

Tomatis vertritt darin die Auffassung, dass der Industrielärm durch die Übersteigerung seiner Parameter die Fähigkeiten des Ohres überschreitet und den gesamten Organismus stört. Er unterscheidet die Reaktionen des Ohres, die somatischen und psychischen Reaktionen, die der Hörschädigung folgen, und jene, die davon unabhängig erscheinen. Er beschreibt ein audiometrisches „Alarmzeichen", die Verengung des Luft-Knochen-Abstandes, Zeuge der Erschöpfung des osteo-muskulären Apparates des Mittelohrs. Daraus leitet sich seine Leitidee ab: eine wahrhafte Erziehung des Ohres zum Lärm, eine Gymnastik, die den Steigbügelmuskel kräftigt und das Trommelfell entspannt, vermittels des „elektronischen Ohres" verwirklicht. Schließlich verknüpft er mit dem Defizit der hohen Töne ein ganzes somatisches und psychisches Gefolge — Müdigkeit, Abmagerung, Stimmbeeinträchtigung, Rückzug, Verlust des Lebensschwungs.

Historischer Kontext — 1959 veröffentlicht, markiert dieser Text eine Wende hin zur psychischen und existenziellen Dimension des Hörens. Das Aufzeigen der somatischen und affektiven Auswirkungen des Entzugs der hohen Töne sowie der therapeutische Gebrauch des elektronischen Ohres kündigen den Übergang von Tomatis von der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde zur Audio-Psycho-Phonologie an.

Die Resonanz in den Tonleitern (1960)

Autor: Dr. Alfred Tomatis Datum: 1960 Veröffentlichung: Le point de vue des physiologistes Faksimile: Originaldokument lesen (PDF)

Tomatis hinterfragt den Begriff der Resonanz selbst und unterscheidet drei untrennbare Stufen des Phänomens: die physikalische, die physiologische und die psychologische. Auf physikalischer Ebene nutzt die Resonanz die Schwingungen der Materie unter Bedingungen geringster Impedanz. Doch die Musik besitzt nur dann wahre Resonanz, wenn sie gehört wird: Ihre Qualität hängt sodann von der Wahrnehmung ab, also von der physiologischen Resonanz, die jedem Hörer eigen ist. Das Ohr ist kein bloßer Analysator: Durch ein reflexhaftes Regelungsspiel kann seine mittlere Etage dieses oder jenes Oberton-Bündel verstärken oder auslöschen und so tiefe Töne hell oder hohe Töne dunkel erklingen lassen. Experimentell behauptet der Autor, diese Weise des Hörens verändern zu können, bis hin zur Aufhebung des musikalischen Hörens oder zur Verleihung der Reflexe eines ausgewählten Sängers. Die musikalische Resonanz, ausgehend von einer bekannten physikalischen Tatsache, erweist sich somit als abhängig von einer wesentlich individuellen Deutung.

Historischer Kontext — Dieser Aufsatz verortet die musikalische Resonanz am Schnittpunkt von Physik und Psycho-Physiologie und setzt die Forschungen von Tomatis über das musikalische Ohr fort. Er kündigt die späteren Entwicklungen über die auditive Konditionierung und das elektronische Ohr an.

Der Tomatis-Effekt und das elektronische Ohr für den Erwerb lebender Sprachen (1960)

Autor: Dr. Alfred Tomatis Datum: 11. März 1960 Veröffentlichung: Vortrag, gehalten im Palais de l’UNESCO Faksimile: Originaldokument lesen (PDF)

Tomatis stellt die Sprache als die letzte Stufe einer Anpassung dar, die zu akustischen Zwecken eine neuro-muskuläre Gesamtheit konditioniert hat, die ursprünglich dem Schlucken und der Atmung gewidmet war. Er beschreibt darin die audio-vokale Schleife: Sprechen heißt, sich zu hören und sich zu kontrollieren, wobei der Erstinformierte der Sender selbst ist, gemäß den Gesetzen der Kybernetik. Aus zehn Jahren Laborarbeit geht der „audio-vokale Effekt" hervor: Jede Veränderung des Hörens bewirkt ipso facto eine Veränderung der Stimme (Klangfarbe, Kehlkopfhaltung, Atmung, Mimik). Das Ohr öffnet durch die Anpassung der Gehörknöchelchenkette Durchlassbänder gemäß einer jeder Sprache eigenen Akkommodationszeit. Das elektronische Ohr setzt diese Entdeckung in die Praxis um: Durch ein Spiel von Filtern erlegt es jedem Probanden, selbst dem widerstrebenden, ein vorbestimmtes Hören auf und stellt so die Bedingungen für die Integration einer Fremdsprache wieder her wie jene der Muttersprache.

Historischer Kontext — Dieser Vortrag von 1960 markiert die öffentliche Vorstellung, vor der UNESCO, der Anwendung des Tomatis-Effekts auf das Sprachenlernen. Er formalisiert die audio-vokale Schleife und den Gebrauch des elektronischen Ohres, die Grundlagen der tomatischen Pädagogik der lebenden Sprachen.

Die Stimme (1962)

Autor: Dr. Alfred Tomatis Datum: 1962 Faksimile: Originaldokument lesen (PDF)

Tomatis behandelt die Stimme unter dem Blickwinkel der psycho-physiologischen Akkommodation und des Regelungsmechanismus der Hervorbringung. Die Sprache setzt eine ständige Selbstkontrolle voraus, ausgeübt durch einen „Servomechanismus", dessen erste Etage das Ohr ist. Er entfaltet den Begriff des Führungsohres — rechts beim Rechtshänder, links beim Linkshänder —, das als einziges Träger der Musikalität ist: Seine Ausschaltung beeinträchtigt unmittelbar die Stimme des Sängers wie die des Sprechers. Der Autor verknüpft das Stottern mit einer physiologischen Verzögerung der Rückkehr der Selbstinformation („delayed feed-back"), hervorgerufen um 0,15 Sekunden, dem Mittelwert der französischen Silbe. Er stellt die annähernde Gleichung auf, die Verstärkung und Zeit verbindet, veranschaulicht durch den Fall des Taubstummen. Schließlich offenbart das Audiogramm die Register (Tenor, Bariton, Bass), die den Nationalitäten eigenen Selektivitätsbänder und die Verheerungen des Lärms (auditives Skotom um 4 000 Hz) und bestätigt, dass „ein Proband nur die Töne hervorbringt, die er zu hören imstande ist".

Historischer Kontext — Eine bedeutende Synthese des Beginns der 1960er Jahre, versammelt dieser Aufsatz die Schlüsselbegriffe des Werkes von Tomatis: Führungsohr, audio-vokale Schleife, auditive Ätiologie des Stotterns und Lateralität. Er festigt das „Gesetz", wonach die Stimme nur das reproduziert, was das Ohr wahrnimmt — Grundlage der gesamten späteren Methode.

Ergebnisse der Hörprüfung bei 180 Kindern (1962)

Autor: Bruno Castets, R. Lefort, A. Tomatis, M. Reyns Datum: Juni 1962 Veröffentlichung: Annales médico-psychologiques, n° 1 (Juni 1962) Faksimile: Originaldokument lesen (PDF)

Diese Gemeinschaftsarbeit berichtet über die systematische audiometrische Untersuchung von 180 Kindern im Alter von 7 bis 13 Jahren, die im Centre de psychothérapie infantile von Armentières hospitalisiert waren und geistige Störungen aufwiesen. Die Autoren verzichten auf jede klassische nosologische Klassifikation, die sie für schlecht mit den klinischen Realitäten der Kindheit abgestimmt halten. Bei 103 auswertbaren Untersuchungen offenbart die überwältigende Mehrheit erhebliche Hörstörungen — Hörminderungen und Taubheiten verschiedener Typen — sowie ein häufiges Defizit der auditiven Selektivität, ohne dass irgendeine neurologische Vorgeschichte sie erklärte. Die Autoren befragen sodann die Stellung dieser Störungen in der Entstehung der geistigen Unordnungen: Das Kind, das schlecht hört, versteht schlecht, gehorcht schlecht und wird zu Unrecht für faul oder zurückgeblieben gehalten. Sie legen eine gemeinsame Ätiologie nahe, eine organische und affektive, da der Klang der erste Zugangsweg zur Sprache und zur sozio-kulturellen Struktur ist.

Historischer Kontext — In einer maßgeblichen psychiatrischen Zeitschrift veröffentlicht, bezeugt dieser Aufsatz die klinische und institutionelle Verankerung der Thesen von Tomatis zu Beginn der 1960er Jahre. Er weitet die audio-psychologische Hypothese auf das Feld der geistigen Störungen des Kindes aus und verbindet Hören, Sprache und intellektuelle Entwicklung.

Der Hals-Nasen-Ohren-Arzt angesichts der Probleme der Sprache (1964)

Autor: Dr. Alfred Tomatis Datum: April 1964 Veröffentlichung: L’Hôpital (Sonderausgabe) Faksimile: Originaldokument lesen (PDF)

Tomatis plädiert dafür, dass der Hals-Nasen-Ohren-Arzt, Bewahrer der Sprechorgane, das Studium des Hörens in seinen Beziehungen zur Sprache übernimmt. Zunächst in Chirurgie und Läsion ausgebildet, vernachlässigt der Spezialist seiner Ansicht nach die phonatorische Funktion selbst, obwohl das Ohr deren wesentlicher Regulator ist. Der Autor beschreibt die drei Parameter des Sprachflusses — den Fluss, die Menge (Intensität) und die Qualität (Klangfarbe) —, allesamt gesteuert durch den auditiven Sensor. Er stützt sich auf die Probe des „delayed feed-back" von Lee und Black (1949) sowie auf jene von Lombard, um zu zeigen, wie eine Störung des Selbsthörens Stottern und Stimmstörungen erzeugt. Schließlich bekräftigt er die Existenz eines dominanten Führungsohres, Grundlage der Lateralität und Bedingung der artikulierten Sprache selbst.

Historischer Kontext — Dieser Aufsatz verdichtet die grundlegenden Einsichten von Tomatis über die audio-vokale Schleife, einige Jahre nach der Formulierung des „Tomatis-Effekts" durch Husson an der Académie de médecine (1957). Er nimmt die Audio-Psycho-Phonologie und den therapeutischen Gebrauch des elektronischen Ohres vorweg, die er anschließend entwickeln wird.

Die Sprache (1970)

Autor: Dr. Alfred Tomatis Datum: 1970 Veröffentlichung: Société de Médecine de Paris, Revue d’Enseignement Post-universitaire, n° 2 Faksimile: Originaldokument lesen (PDF)

Tomatis schlägt vor, aus der Sprache einen eigenständigen Gegenstand der klinischen Untersuchung zu machen, eingefügt in das medizinische Bilanz. Er begreift sie als eine messbare Hervorbringung des Körpers, geregelt durch drei Parameter — Intensität, Qualität, Rhythmus —, die unter der Kontrolle des Ohres stehen, des Sensors einer kybernetischen audio-vokalen Schleife. Er verteidigt den Vorrang des rechten Ohres, des kürzeren Rückkehrwegs, und knüpft die Lateralisierung an die intrauterine Genese des Wunsches zu kommunizieren, sodann an die symbolische Beziehung zum Vater. Anschließend erläutert der Autor eine genaue klinische Untersuchung (Stimme, Gesichtsasymmetrie, Synkinesien, Bezeichnung des Ohres, Selbstinformation), eine abgestufte Pathologie (Fehlen der Sprache, Dysarthrien, Stottern, Legasthenien) und eine Behandlung, die auf der auditiven Rehabilitation durch elektronische Filterung und Hörumschaltungen beruht.

Historischer Kontext — Ein Text der Reife, systematisiert er die Audio-Psycho-Phonologie zu einem vollständigen klinischen Protokoll und greift die Thesen des Führungsohres und des intrauterinen Hörens wieder auf. Er bezeugt den Willen von Tomatis, seine Methode in die gängige medizinische Praxis einzuschreiben.

Die Musik und das Kind (1972)

Autor: Dr. Alfred Tomatis Datum: 11.-14. Mai 1972 Veröffentlichung: 1ᵉʳ Symposium régional de la musique, Pierrelatte Faksimile: Originaldokument lesen (PDF)

Mitteilung, in Abwesenheit des Autors von Marie-Louise Aucher verlesen. Tomatis stellt darin die Musik als die wichtigste Form der körperlichen Erziehung dar, geeignet, den Körper darauf vorzubereiten, die Sprache zu empfangen: Sie integriert die Rhythmen, also die Zeit, und schult die Vertikalität, also den Raum. Er unterscheidet die „Lade"-Klänge und die „Entlade"-Klänge, beschreibt den Eintritt des Klangs durch das Ohr und die Haut und erläutert die Rolle des Nervus vagus und des Hörnervs, der Säulen der Lateralität und der kortikalen Wiederaufladung. Indem er die hohen Töne bevorzugt, die reich an Energie sind, weiht er Mozart zum dynamisierenden Musiker. Schließlich knüpft er das intrauterine Hören und den Gesang an die Genese der Sprache und plädiert für ihre Wiedereingliederung in die Pädagogik.

Historischer Kontext — An der Schwelle der 1970er Jahre gehalten, weitet dieser Text die Audio-Psycho-Phonologie zu einer Ästhetik und einer Pädagogik des Klangs, in der die Musik Mozarts und das gefilterte Hören der mütterlichen Stimme zu Werkzeugen der Entwicklung werden. Er veranschaulicht die Öffnung des Werkes von Tomatis, Sohn eines Sängers, hin zur gesungenen Stimme und zur Erziehung des Kindes.

Verwendung des elektronischen Ohres für den Englischunterricht

Autor: Dr. Alfred Tomatis (pädagogische Anwendung) Datum: Experiment 1973-1977 Faksimile: Originaldokument lesen (PDF)

Dieser pädagogische Bericht schildert ein Experiment, das mit französischsprachigen Schülern des Athénée royal de Comines durchgeführt wurde. Ausgehend von der Feststellung, dass das Verständnis des gesprochenen Englischen den Französischsprachigen besondere Schwierigkeiten bereitet — wahrgenommene Geschwindigkeit des Sprechflusses, unhörbare Endphoneme, nicht erkannte gebräuchliche Wörter —, schreiben die Autoren das Problem nicht der Intelligenz, sondern dem Hören zu. Sie berufen sich auf das Gesetz von Tomatis: „Der Kehlkopf bringt nur die Obertöne hervor, die das Ohr hören kann." Eine experimentelle Gruppe wird durch das elektronische Ohr konditioniert (gefilterte Musik, gefiltertes Englisch, englische Zischlaute), während eine Kontrollgruppe einer audio-oralen Methode folgt. Da jede Sprache ihr eigenes Selektivitätsband besitzt, erzieht die Vorrichtung das Mittelohr durch die elektronische Umschaltung und die rechte Lateralisierung. Die Ergebnisse zeigen eine objektive Verbesserung der Schwellen bei den hohen Frequenzen und eine klarere Stimme bei der trainierten Gruppe.

Historischer Kontext — Dieses Dokument veranschaulicht die konkrete Verbreitung des elektronischen Ohres im schulischen Sprachunterricht während der 1970er Jahre. Es setzt die „Tomatis-Gesetze" und den Begriff des ethnischen Ohres um und führt im pädagogischen Umfeld die seit 1960 formulierten audio-vokalen Grundsätze fort.